Kindern helfen - ohne Pillen


„Rund 500.000 Kinder sollen mittlerweile in Deutschland am Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) leiden. Mehrheitlich werden sie mit Medikamenten behandelt, weil Schulmediziner die Ursache in einer genetischen Fehlfunktion des Gehirns sehen.


Doch zunehmend formiert sich Kritik: Psychotherapeuten machen frühe Erfahrungen und Umweltbedingungen für ADHS verantwortlich und verzeichnen erste Erfolge mit alternativen Behandlungsansätzen“, so schreibt Klaus Wilhelm in der September-Ausgabe der „Psychologie heute“ (BELZ Verlag).


Sind Sie schon einmal einem Pferd begegnet? Von Angesicht zu Angesicht?


Eine halbe Tonne schwer und einige Köpfe größer, als Sie selbst. Angsteinflößend, oder? Aber auch faszinierend, beruhigend und wunderschön. Pferde haben etwas magisches, etwas unbeschreibliches, etwas heilendes. Und – so meine Erfahrung und zurück zum eingangs zitierten Klaus Wilhelm – sie sind ein alternativer Behandlungsansatz in der Arbeit mit psychischen Störungen jeglicher Art!


Andreas (14) ist hyperaktiv. In der Schule kann er sich kaum länger als 10 Minuten ruhig halten. Freunde hat er keine. Die Familie leidet unter der massiven Belastung. Ich fahre mit dem Jugendlichen zu „Royal Dancer“, einem 11jährigen Westfalen-Wallach. Klare Regeln, immer und immer wieder. Doch als die Mutter nach einigen Wochen Ihren Sohn auf dem Rücken des Pferdes sitzen sieht, weint sie los. Andreas wirkt ruhig und gelassen. Ein Lächeln strahlt aus seinem Gesicht.


Michaela ist 13 Jahre alt. Ihren Hass und ihre Wut gegen die eigene Mutter hat sie schon lange nicht mehr unter Kontrolle. Sie attackiert sie tätlich, beschimpft sie massiv. Die Unterbringung in einer therapeutischen Einrichtung wird angeraten. Als ich ihr bei unserer ersten gemeinsamen Begegnung mit „Royal Dancer“ eine Karotte in die Hand drücke, damit sie ihm „Hallo!“ sagen kann, gibt sie klein bei. Und sie ist gar nicht mehr die schreckliche und aggressive 13jährige, zu der sie mittlerweile alle abgestempelt hatten.


Pferde verändern Menschen! Umso früher, umso erfolgreicher. So veröffentlichte das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt 2007 eine Präventionsstudie, die belegt, dass eine frühzeitige Förderung und Betreuung von verhaltensauffälligen und hyperaktiven Kindern allen anderen Behandlungsmöglichkeiten weit überlegen ist! Ich persönlich zähle die darin nicht explizit erwähnte Zusammenarbeit mit dem „Therapeuten Pferd“ als aktive Chance, um Kindern ohne medikamentöse Behandlung fit zu kriegen!


Pferde helfen auf verschiedenste Weisen. Sie tragen uns, geben Sicherheit und Geborgenheit. Sie zwingen uns sanft ins Hier und Jetzt – fordern unsere komplette Aufmerksamkeit – und wollen klare Strukturen. Struktur, die vielen Kindern und Jugendlichen in unserer komplexen Welt heute fehlt. Pferde sind eine wertvolle Hilfe, u.a. zur Stärkung des Selbstbewusstseins, bei Konzentrationsschwierigkeiten, zur Dosierung von Impulsivität - man muss lernen, sich mit sanften Mitteln durchzusetzen. Vertrauen anstelle von Aggression (wie im Fall der 13jährigen Michaela). Gleichgewicht (körperlich & seelisch) und Körpergefühl werden geschult (wie bei Andreas).


Die Koordination der Bewegungsabläufe wird verbessert, die Lernfähigkeit gesteigert. Unsicherheit und Angst werden konfrontativ aufgezeigt und überwunden. Ein Pferd ist wie ein Spiegel. Es zeigt durch sein Verhalten und seine Reaktion, wie sich sein Gegenüber verhält und vor allem, wie es fühlt.
In der Zusammenarbeit mit einem Pferd entsteht im Erlernen von gegenseitigem Respekt eine echte Partnerschaft. Eine Verbindung entsteht, bei der man aufeinander achtet, Grenzen erkennt und sich in Geduld und Selbstbeherrschung gegenüber tritt. Pferde sind Sprachrohre unserer innersten Gefühlswelt. Mensch und Pferd sind sich ähnlicher, als es auf den ersten Blick scheint. Körperhaltung, Gestik und Mimik zwischen Mensch und Tier ermöglichen mir (schließen wir den Bogen hin zu meiner Arbeit) als Stimme und Hand meines stummen Partners zu agieren.


Ich kann dankbar sein, über einen Kollegen, der ohne Sprache mehr verändern kann, als manch anderer es mit tausend Worten nicht vermag. Dementsprechend kann ich betroffenen Kindern ein großes Stück helfen – ohne Pillen! (MK)