Das besondere Kind – AD(H)S als Herausforderung an die Gesellschaft


Frau H. hatte sich von ihrem Gespräch mehr erwartet. Ihr achtjähriger Sohn Phillip sei ständig in Bewegung und Unruhe, kenne keine Grenzen, verletze sich häufig beim Spielen und könne Gefahren schlecht einschätzen. – Die Antwort des Kinderarztes war kurz und knapp: Sie solle sich keine Sorgen machen. Jungs in diesem Alter seien nun mal sehr lebhaft. Das würde sich mit der Zeit legen.

– Heute war es Samstagabend. Frau H. saß einmal wieder in der Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses. Ihr Sohn hatte sich die Finger in der Balkontüre eingeklemmt, wahrscheinlich gebrochen. Aber das würde sich ja alles legen…nur wann!!! Und dabei wären wir beim Thema: Ist Phillip ein kleiner „Treibauf“ oder ist da doch mehr?

– Ein theoretischer Exkurs: ADS – das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom – mit und ohne Hyperaktivität (H) ist in aller Munde. Doch pädagogisch sinnvolle Hilfe gibt es nur selten. ADS ist übrigens weder anerzogen, noch wie zuletzt in einer regionalen Tageszeitung beschrieben, eine „seelische Erkrankung“, sondern eine neurobiologische Störung, bei der die Informationsverarbeitung im Gehirn nicht ausreichend funktioniert. Resultierend daraus ergibt sich ein seelisches und psychosoziales Ungleichgewicht, das meist mit einer Kombination aus medizinischer undpädagogischer Unterstützung gut in den Griff zu bekommen ist. Dass hierbei weder Wunderkügelchen, noch Bestrafungsaktionen, sondern – und zwar durch Studien belegbar – konsequenter Erziehungsstil mit einem Feinschliff an Sonderpädagogik das einzig wahre Wundermittel ist, muss wohl immer wieder neu betont werden. Und nebenbei gesagt: Kinder brauchen Liebe! Und Kinder mit AD(H)S brauchen mindestens doppelt so viel Liebe plus eine riesige Portion unserer Geduld und Ausdauer.

Wird der Störung nicht genug Bedeutung beigemessen, stellen sich über kurz oder lang seelische Begleiterscheinungen ein. Frustration, Rückzugstendenzen, Aggressionen zählen zu den „Klassikern“ hierbei. Übrigens nimmt momentan die Zahl der Erwachsenen, die sich vom Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom betroffen fühlen, rapide zu. Typische Merkmale wie Desorganisation, motorische Unruhe, unüberlegtes Verhalten, Vergesslichkeit und teilweise chaotische Lebensumstände weisen maßgeblich auf AD(H)S hin. Bei Erwachsenen ebenso, wie bei Kindern.

Was muss also für das alltägliche Miteinander gesagt werden? Besonders im Bezug auf unsere Kleinen: Kinder mit AD(H)S sind keine schwer(st)erziehbaren Kinder. Es sind Mädchen und Jungen mit besonderen Fähigkeiten. Für uns „normale“ Menschen ein wenig zu lebhafte Erdenbürger. Jedoch haben spannenderweise nicht sie das Problem, sondern wir mit ihnen! Somit brauchen vor allem wir, bzw. Sie als Eltern, Hilfe. Hilfe, wie sie mit ihrem – auf seine Art und Weise besonderen – Kind umgehen können, ja, umgehen müssen. AD(H)Sler brauchen Struktur! „Räum dein Zimmer auf …jetzt…sofort! … Hast du dein Zimmer aufgeräumt, Anna?“ Ein nervenaufreibender Job, den Sie da zu leisten haben. Aber: Ein besonderes Kind! Und das soll nicht ironisch klingen. Kinder mit einem ADS sind besonders. Sie spielen stundenlang ihre Lieblingsspiele, sie erklimmen hohe Bäume, sie sind mutig und furchtlos. „Höher, schneller, weiter“ … und oftmals – so beweist es die Geschichte – wird aus ihnen ein Forscher, ein Abteilungsleiter oder sogar ein Nobelpreisträger!

Und was raten wir Frau H.? Verlieren Sie nicht die Freude an ihrem Sohn! Seien Sie liebevoll, aber konsequent! Loben und belohnen Sie! Denn eines ist klar! Ihr Kind, Frau H., ist ein besonderes…kein schwererziehbares! (MK)